Ausstellung

 

Eine Führung durch das neugestaltete Museum

Vortrag zur Wiedereröffnung des Schottener Heimatmuseums am 18. Juli 2021

Sehr geehrte Damen und Herren,

über neun Jahre ist es her, dass der Vogelsberger Geschichts- und Kulturverein im Frühjahr 2012 auf uns zugekommen ist, weil ein Konzept für die Neuaufstellung des Schottener Heimatmuseums benötigt wurde.

Bei einer ersten Begehung des damaligen Museums in diesem höchst interessanten Haus war unser Eindruck, dass sich die Familie Pröscher mit ihren Töchtern Anna und Ida, letztere heiratete Karl Weber, aber auch die Stadt und die Region in der sehr umfangreichen und vom Verein betreuten Sammlung ausgesprochen gut widerspiegelten, es an Themen nicht mangelte und insbesondere bei der Familiengeschichte aus einem ungewöhnlich geschlossenen Überlieferungsbestand geschöpft werden konnte. Auch an weiteren thematischen Alleinstellungsmerkmalen herrschte eher Überfluss, denken Sie nur an den Schottenring, die Wintermetzger und die Forstschule. So übernahmen wir gern den Konzeptionsauftrag des ausgesprochen hilfsbereiten und motivierten Vereins und entwickelten ein Museumsdrehbuch, das wir am 19. August 2014 vorstellten. Es verschränkt Haus, Familie, Stadt und Region und legt besonderen Wert darauf, Menschen vorzustellen, die hier eine größere oder eben auch kleinere Rolle spielten.

Insgesamt also gut neun Jahre nach dem ersten Treffen und, Stand gestern Abend, 3.025 Mails später stehen wir also heute vor einer Teileröffnung und laden Sie ein zu Gast im Haus des zeitweiligen Staatsrates Weber zu sein.

Die Ausstellung beginnt mit dem Thema „Haus und Innenausbau“. Begibt man sich dann die Treppe in diesem eindrucksvollen Treppenhaus hinauf, begegnet man im ersten Obergeschoss der „Lage Schottens“ sowie einigen seiner Wahrzeichen. Also der Kulisse, vor der sich der zweite Ausstellungsbereich zur Familie Weber-Pröscher abspielt, der den Blick freigibt auf die Lebenswelt einer wohlsituierten Schottener Familie Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts. Bei diesen drei Familienräumen, die als authentische Räume mit dem Zeitschnitt der 1930er Jahre zu erkennen bleiben sollten, war es uns ein Anliegen, nicht allein Karl Weber zu thematisieren, der relativ wenig Zeit in diesem Gebäude verbracht hat, sondern darzustellen, welche Menschen in enger Verbindung zum Haus standen, es durch Bewohnen oder Umbau prägten. Dies waren vor allem Frauen wie Anna Pröscher, aber auch Karoline Zimmermann und die Gemeindeschwester Haintz, die in späteren Jahren noch im Haus wohnten. Spannenderweise wird dieser erste Familien-Raum dadurch thematisch ein „Frauenzimmer“, denn trotz des im übertragenen Sinne „übergewichtigen“ Herrn Weber, haben gerade Frauen das Haus geprägt.

Damit wird zumindest ein kleiner Kontrapunkt zu Karl Weber gesetzt, der es im Kaiserreich vom Waisenkind bis in hohe politische Ämter des Großherzogtums Hessen schaffte. Seine Persönlichkeit (und Jagdleidenschaft) sowie seine politische Arbeit für die Entwicklung der Vogelsbergregion werden im mittleren und letzten Zimmer behandelt.

Im zweiten Obergeschoss weitet sich der Blick in die Region Vogelsberg. Dafür bot sich die Person Karl Webers an, denn mit seinem Wirken ergaben sich sachlich fundierte Anknüpfungspunkte für die folgenden Themen wie die Gründung der Forstschule in Schotten, für die Weber sich maßgeblich eingesetzt hat, und die als Thema zugleich in den größeren Zusammenhang der Vogelsbergregion mit seinen so anderen Lebensrealitäten als in der Schottener Familienresidenz führt. Diese Unterschiede waren Weber äußerst bewusst.

Am Beginn dieses Ausstellungsbereichs stehen Fragen der Försterausbildung, der Wiederaufforstung des um 1800 weitgehend kahlen Vogelsbergs, der Landwirtschaft und der Reformbestrebungen wie dem Generalkulturplan, mit dem Anfang des 20. Jahrhunderts der allgemein eher darbenden Bevölkerung neue Perspektiven gegeben werden sollten.

Eine weitere Zukunftsperspektive wurde mit dem Fremdenverkehr im Vogelsberg und dem Ausbau der touristischen Infrastruktur gerade in Schotten eröffnet. Man begegnet den Anfängen des Tourismus in der Region, ihrer Tradition als Wander- und Wintersportgebiet, wobei die Rolle des Vogelsberger Höhen-Clubs seit 1881 ebenso beleuchtet wird wie die Bedeutung des Vogelsbergs als dem ältesten Naturpark Hessens, an dem sich Probleme von (Freizeit)Nutzung und Naturschutz manifestieren.

Weiterhin führen verschiedene Informationsstationen die jeweiligen Themen bis an die Gegenwart heran, denn die Ausstellung bleibt nicht stehen bei den Wiederaufforstungsdiskussionen oder der Gründung der sogenannten Schnitzerschule zur Hebung der handwerklichen Fähigkeiten und Verdienstmöglichkeiten im 19. Jahrhundert, sondern thematisiert die aktuelle Bedeutung von Nutzholz für die regionale Wirtschaft ebenso wie die gelegentlich schwierige Beziehung von Ökologie und Freizeitverhalten.

Die Themen werden stets in einen größeren Kontext eingeordnet. Dementsprechend lenken die „Honoratioren auf Wanderschaft“ in der Abteilung zum Vogelsberger Höhen-Club den Blick auch auf die allgemeine Entwicklung, die erkennen lässt, dass die Schottener VHC-Gründung ein eher spätes Ereignis im Rahmen der Tourismusgeschichte ist.

Aber auch das Inbeziehungsetzen zu einem Gesamtwerk kann eine Kontextualisierung sein, wie der renommierte Gießener Architekt Hans Meyer belegt, der 1908 den Innenausbau des Weber-Pröscherschen Wohnhauses übernahm. Meyers Schaffen hat im Gießener Stadtbild sehr deutliche Spuren hinterlassen und die Ausstattung der dortigen Ricarda-Huch-Schule, ebenfalls 1908 entstanden, weist deutliche Ähnlichkeiten mit seiner Schottener Arbeit auf.

Leider noch nicht zu besichtigen sind die geplanten Abteilungen Stadtgeschichte und „Rennstadt Schotten“, letztere mit einem Akzent auf der Bedeutung der „Rennen rund um Schotten“ in den Jahren von 1925 bis 1955 für die Stadt und ihren Fremdenverkehr. Der Ausstellungsraum „Gastliches Schotten“ lässt das Thema Fremdenverkehr aber bereits aufscheinen.

Noch ist die Sache also nicht rund, was nicht nur auf den Schottenring zutrifft, sondern auch auf die Durchführung konzeptioneller Alleinstellungsmerkmale, die neben den thematischen im Museum anzutreffen sind. Die wichtigsten sind hier die „Stolpersteine“ zur Zeit des Nationalsozialismus und der „Holzweg“.

Der rote Faden „Holz“ empfängt den Besucher mit den Einbauten in Diele und Treppenhaus. Im Verlauf der Ausstellung findet sich das Holz von verschiedenen Seiten beleuchtet. Beispielhaft sind die Diskussionen von Förstern und Politikern, wie Wald und Holz zu pflegen und zu nutzen sein könnten oder wie ab 1922/23 die Ausbildung an der Schottener Forstschule zu organisieren sei. Aber auch vom Leben der Fuhrleute bis zum kreativen Umgang der Schreiner und Schnitzer mit dem Werkstoff Holz gelangen wir. Das Thema schlägt eine Brücke zwischen Stadt und Region und zeigt die Beziehungen zwischen beiden auf, wenn einerseits die Holzgewinnung beleuchtet und andererseits die Verwendung in der Stadt Schotten, auch im Haus der Familie Weber-Pröscher thematisiert wird. Aspekte, die schließlich im Raum „Leben mit Holz in ‚Hessisch Sibirien’“ zusammenkommen.

Ist der Holzweg ein eher spielerischer Themenpfad, so lässt die Konzeption den Besucher das Thema Nationalsozialismus mit Absicht unvermittelt antreffen.

Die Ausstellung wurde mit Positionen dazu durchsetzt, mit Stolpersteinen, wenn Sie so wollen, indem an Stellen, an denen man nicht unbedingt damit rechnet, Informationen zur oder Schlaglichter auf die NS-Zeit geboten werden.

In diesem Sinne kontrastieren zwei Fotos den NS-Aufmarsch auf dem Hoherodskopf im Juni 1932 anlässlich der dort mit Beteiligung von NSDAP-Größen wie Hitler und Göring groß inszenierten Sonnenwendfeier und gleich daneben winterliche Freizeitfreuden. Ähnlicher Ort, völlig unterschiedliche Bilder und Zeiten.

Ein thematischer Schwerpunkt in der Stadtgeschichte wird künftig der Darstellung der Biographien jüdischer Mitbürger gelten. Der Nationalsozialismus beendete in der Regel die Existenz der Betroffenen als vollständig akzeptierte Mitglieder der städtischen Gemeinschaft, wie die Schicksale des Händlers Sally Kahn und des Lehrers Abraham Kaufmann illustrieren.

Doch die beiden sind leider noch keine Dauergäste im neuen Museum. Sie dagegen laden wir ein, Gäste in diesem Haus zu sein. Lesen und hören Sie dort aus dem Leben der anderen, der früheren, der imaginären Gäste. Lernen Sie Anna Pröscher, Ida und Karl Weber kennen, lesen Sie, wie man die Frage beantwortet, was ein Forstschüler überhaupt ist. Erfahren Sie, wer das Fräulein Zimmermann war und ob sich Forstschüler Dickel eigentlich wohl gefühlt hat in Schotten. Was hat den aus Schotten stammenden 1848er Rudolf Fendt geprägt, wie ist der Museumsgründer Friedrich Sauer einzuschätzen, bedenkt man neben seinen Meriten für das Museum und die lokalhistorische Forschung auch seine Haltung während der NS-Zeit. Alle diese Menschen führen uns in konkrete Lebensumstände, sie sind Zeugen ihrer jeweiligen Zeit und bieten die Möglichkeit, diese zu verstehen und über sie ins Gespräch zu kommen.

Doch bedenken Sie bitte, es gäbe auch den imposanten Herrn Regierungsrat Schönfeld und die Motorsportbegeisterten vom Schottenring kennenzulernen. Sie sind leider noch keine Dauergäste in diesem Haus. Eine Teileröffnung eben. Neben der stadtgeschichtlichen Abteilung und der „Großen Zeit des Schottenrings“ fehlt vor allem noch der „Treffpunkt“, ein Ausstellungs- und Veranstaltungsraum, der die bisher angesprochenen Aspekte nochmals bündelt und die Folie für künftige Vermittlungsarbeit bietet, der mit der Puppenwerkstatt von Friedrich Falkner einen Bezug zum Thema „Holz“, aber gleichzeitig auch zur NS-Zeit herstellt, denn der Besucher wird einem Bild des Lebensmittelgeschäfts Schade und Füllgrabe begegnen. In diesem Geschäft jüdischer Inhaber ist Falkner von NS-Schergen festgenommen worden, nur weil er dort eingekauft hatte. Als neues, versöhnlicheres Thema werden Lieder und Gedichte das musikalische und literarische Schaffen in der Region veranschaulichen.

Kirsten Hauer + Friedhelm Krause, Marburg

Historiker aus Marburg und konzeptionelle Gestalter der neuen Ausstellung